Nach dem Unfall: die ersten 24 Stunden richtig nutzen
Roter Pkw mit eingedrücktem Heck nach einem Auffahrunfall, Beweissicherung vor dem Abtransport

Nach dem Unfall · 22. Juli 2026 · 9 Min. Lesezeit

Nach dem Unfall:die ersten 24 Stunden richtig nutzen

Der Fahrplan für die wichtigsten Schritte, von der Unfallstelle bis zum Gutachten. Aufgeschrieben von mir, Jeremy Schilling, KFZ-Gutachter in Hagen.

Ein Auffahrunfall an der Ampel, ein Parkrempler in der Tiefgarage, ein Crash auf der A45 bei Hagen: Die Situationen sind verschieden, aber die ersten Stunden danach entscheiden fast immer, ob du später deinen vollen Schadensersatz bekommst oder auf einem Teil der Kosten sitzen bleibst. Als KFZ-Gutachter in Hagen erlebe ich diese Anfangsphase ständig mit, und dabei sehe ich immer wieder dieselben Fehler, die sich leicht vermeiden lassen. Dieser Ratgeber zeigt dir Schritt für Schritt, worauf es ankommt.

„Nach einem Unfall bleib erst einmal ruhig. Sichere die Unfallstelle ab und schau, ob es allen Beteiligten gut geht. Um das Auto kümmern wir uns danach.“

Jeremy Schilling

1. Zuerst die Sicherheit, dann die Dokumentation

Bevor du an Beweise oder Versicherung denkst: Warnblinklicht an, das Auto wenn möglich von der Fahrbahn, Warnweste anziehen, und zwar schon bevor du aussteigst. Danach stellst du das Warndreieck mit genug Abstand auf. Auf der Autobahn sind das etwa 150 bis 200 Meter, innerorts reichen 50 Meter.

Gibt es Verletzte, ruf den Notruf 112 und leiste Erste Hilfe. Das ist gesetzlich vorgeschrieben (§ 323c StGB, unterlassene Hilfeleistung) und geht immer vor. Erst wenn alle in Sicherheit sind und niemand mehr Hilfe braucht, kümmerst du dich um den Rest.

2. Wann du die Polizei rufen solltest

Viele einigen sich an der Unfallstelle mündlich und verzichten auf die Polizei, um keinen Ärger zu machen. Aus meiner Praxis kann ich sagen: Das rächt sich oft. Ruf die Polizei in diesen Fällen immer:

  • Es gibt Verletzte.
  • Der Schaden ist offensichtlich größer als ein Bagatellschaden.
  • Die Schuldfrage ist unklar oder strittig.
  • Der Unfallgegner wirkt alkoholisiert oder verhält sich auffällig.
  • Der andere will sich nicht ausweisen oder fährt einfach weg. Dann sofort Kennzeichen, Marke und Farbe notieren, denn unerlaubtes Entfernen vom Unfallort ist eine Straftat nach § 142 StGB.
Aus der Praxis

Auch wenn ihr euch vor Ort einig seid, Aussagen an der Unfallstelle sind nicht bindend. Was mündlich vereinbart wird, kann die Versicherung später anzweifeln. Ein Protokoll der Polizei ist ein neutraler Beweis, den keine Seite nachträglich in Frage stellen kann.

3. Beweise sichern, bevor etwas bewegt wird

Diesen Schritt finde ich bei meiner Arbeit am häufigsten unvollständig vor. Fotografiere, bevor die Autos von der Unfallstelle weggefahren werden:

  • die Endstellung beider Fahrzeuge zueinander, aus mehreren Winkeln und auch aus etwas Abstand mit erkennbarer Umgebung
  • alle Kennzeichen, gut lesbar
  • sämtliche Schäden an beiden Autos, auch scheinbar kleine
  • Bremsspuren, Splitter, Straßenverlauf, Verkehrsschilder und die Ampel
  • Wetter und Sicht, zum Beispiel Nässe, Dunkelheit oder tief stehende Sonne

Schreib dir außerdem Namen, Adresse und Telefonnummer von unbeteiligten Zeugen auf. Ihre Aussage kann entscheidend werden, wenn die Schuld später bestritten wird. Ein kurzes Video, in dem du einmal langsam um beide Fahrzeuge herumgehst, ergänzt die Fotos gut und dauert nur eine Minute.

4. Was du an der Unfallstelle lieber nicht tust

Vermeide Sätze wie „Das war meine Schuld“ oder „Tut mir leid, ich hab dich nicht gesehen“, auch wenn sie nur höflich gemeint sind. Versicherungen werten solche Aussagen später als Schuldeingeständnis, selbst wenn die rechtliche Lage ganz anders aussieht. Halte dich an Fakten: Namen, Versicherungsdaten, Fotos.

Unterschreib außerdem nichts, was dir die Gegenseite vor Ort hinlegt, und lass dich nicht zu einer schnellen Barzahlung überreden. Was ein Schaden wirklich kostet, siehst du oft erst, wenn ein Gutachter das Auto von allen Seiten angeschaut hat.

5. Das Unfallgutachten und wer es bezahlt

Sobald der Schaden feststeht, solltest du einen unabhängigen Sachverständigen für ein Unfallschadengutachten beauftragen, und zwar bevor du einen Werkstatttermin ausmachst. Warst du nicht der Verursacher, übernimmt die gegnerische Versicherung die Gutachterkosten meistens komplett. Nach ständiger Rechtsprechung darfst du den Gutachter sogar frei wählen, statt den zu nehmen, den die Versicherung vorschlägt.

Sobald dein Auto steht, läuft die Uhr: Für die ganze Ausfallzeit gibt es Geld, auch wenn du keinen Mietwagen nimmst.

Eine wichtige Ausnahme sind Bagatellschäden. Die Grenze liegt je nach Gericht grob zwischen 700 und 1.000 Euro, und darunter reicht oft ein Kostenvoranschlag der Werkstatt statt eines vollen Gutachtens. Lass dir im Zweifel von deinem Gutachter sagen, welcher Weg bei dir passt. Woran du einen echten Bagatellschaden erkennst, steht im Ratgeber zur Bagatellgrenze, und was ein Gutachten kostet, auf der Seite Was kostet ein KFZ-Gutachten?

Ein Posten, den viele übersehen, ist die Wertminderung, die zusätzlich zur Reparatur erstattet wird. Kostet die Reparatur mehr, als das Auto wert ist, geht es als Nächstes um den wirtschaftlichen Totalschaden. Alle Posten eines solchen Gutachtens stehen auf der Seite zum Unfallschadengutachten.

6. Erst dokumentieren, dann reparieren

Lass dein Auto nicht reparieren, bevor der Schaden vollständig dokumentiert ist. Gerade bei verdeckten Schäden, zum Beispiel an der Struktur hinter dem Stoßfänger, ist eine saubere Beweissicherung vor dem Werkstatttermin entscheidend. Ist das Auto erst repariert, lassen sich viele Schäden nicht mehr sicher nachweisen.

Bleib dabei, selbst wenn die Werkstatt dir anbietet, „schnell schon mal anzufangen“. Ein Anruf bei mir dauert zwei Minuten, und oft kann ich noch am selben Tag vorbeikommen. Danach kann die Werkstatt loslegen, und du hast alles in der Hand, was du gegenüber der Versicherung brauchst.

Die ersten 24 Stunden auf einen Blick

Wann Was du tun solltest
Sofort Warnblinker, Warnweste, Unfallstelle absichern, nach Verletzten schauen
In den ersten Minuten Polizei rufen, wenn nötig, Fotos von Fahrzeugen und Umgebung machen
Noch an der Unfallstelle Daten des Unfallgegners und von Zeugen aufschreiben, nichts unterschreiben
Am selben Tag Versicherung informieren, unabhängigen Gutachter anrufen
Vor der Reparatur Schaden begutachten und dokumentieren lassen

7. Mein Fazit aus der Praxis

Die meisten Probleme, die ich bei Kunden in Hagen und Umgebung sehe, haben ihre Ursache selten im Unfall selbst. Meist liegt es an dem, was in den ersten Stunden danach versäumt wurde: keine Fotos vor dem Wegfahren, keine Zeugendaten, ein vorschnelles „Das war mein Fehler“. Wer die Schritte oben befolgt, hat die beste Ausgangslage für die Schadensregulierung.

Hattest du gerade selbst einen Unfall, ruf mich an. Oft bin ich noch am selben Tag bei dir.

Fragen

Häufige Fragen zu den ersten Schritten nach dem Unfall

Muss ich nach jedem Unfall die Polizei rufen?
Welche Fotos brauche ich nach einem Unfall?
Wann sollte ich den Gutachter anrufen?
Darf ich nach dem Unfall noch mit meinem Auto weiterfahren?

Gerade passiert? Ich komme zu dir.

Ruf an, die Beratung ist kostenlos. Bei einem unverschuldeten Unfall zahlt die gegnerische Versicherung.